Die Rückkehr des Geschmacks – eine Ernährungsstrategie für Berlin

Fünf Großkonzerne entscheiden weltweit über unser Essen: Wie und zu welchen Bedingungen es produziert wird, was es enthält und wer daran verdient oder auch leer ausgeht. Gleichzeitig beeinflusst unsere Ernährung und unser Umgang mit dem Überfluss, den wir produzieren, Märkte in armen Ländern, zerstört andernorts Lebensgrundlagen und gehört damit zu den Fluchtursachen, über die Europa derzeit so heftig diskutiert. – Kurzum: Essen ist hoch politisch. Und Essen hat einen Wert – und den sollten wir wieder entdecken. Konkrete Ideen dafür haben ExpertInnen und Gäste beim Ernährungsratschlag diskutiert, zu dem die bündnisgrüne Abgeordnete Bettina Jarasch gemeinsam mit der Pankower Kreisvorsitzenden Nastassja Wohnhas am 2. April in ihr Kiezbüro am U-Bahnhof Vinetastraße geladen hatte.

Der grüne Berliner Justizsenator ist auch für Verbraucherschutz zuständig und damit Berlins erster Ernährungssenator. Seine Staatsekretärin Margit Gottstein arbeitet derzeit mit vielen Verbänden und Inis an einer Strategie für gutes Essen und Ernährung. Ihr Vorbild dafür ist Kopenhagen, wie sie beim Ernährungsratschlag erläuterte. Dort ist es gelungen, den Bio-Anteil bei der Gemeinschaftsverpflegung, also in den Mensen und Kantinen in Schulen, Behörden, Krankenhäusern und Seniorenheimen, auf 90% zu steigern. Zudem wird in den Schulen dort sehr viel mehr frisch gekocht als bislang in Berlin. Damit sich das auch hier ändert, haben die Grünen durchgesetzt, dass die Küchen der Berliner Schulen besser ausgestattet werden – damit das Schulessen nicht nur kostenlos, sondern auch besser und gesünder wird.

Allerdings gibt es in Berlin bereits heute mehr Nachfrage nach regionalen, biologischen und saisonalen Lebensmitteln als es Angebot gibt. Was muss also geschehen, damit unser Nachbarland Brandenburg mehr auf ökologische, bäuerliche Landwirtschaft setzt? Philipp Heinze, Gründer der solidarischen Landwirtschafts-Initiative Sterngartenodyssee glaubt, dass das vor allem an fehlenden bezahlbaren Flächen für junge Landwirte liegt. Bodenspekulationen treiben die Preise in die Höhe; die Landwirtschaft wird immer noch von großen Monokulturen beherrscht, die oft eher Nutzpflanzen für den Tank anbauen als für den Teller. Seine Initiative hilft den Erzeugern, mit denen sie kooperieren, nicht nur beim Ernten, sie garantiert ihnen vor allem Einnahmen unabhängig von der Ernte, das betriebliche Risiko wird also solidarisch geteilt.

Um in Brandenburg einen Politikwechsel hin zur Förderung bäuerlicher Landwirtschaft zu erreichen, müsste Berlin zuverlässig größere Mengen an regional erzeugten Lebensmitteln abnehmen und dafür Kooperationen und Plattformen schaffen. Auch das muss Ziel einer Ernährungsstrategie sein. Turgut Altug, Sprecher für Natur- und Verbraucherschutz der Grünen im Abgeordnetenhaus, setzt dabei vor allem auf Aufklärung. Gute Qualität, Tierschutz und faire Entlohnung sind nun einmal nicht umsonst zu haben. Die Gesellschaft müsse sich daher fragen lassen: Was ist uns das Essen wert? Gleichzeitig ist es Aufgabe der Politik dafür zu sorgen, dass es gesunde, gute Lebensmittel auch für Menschen mit niedrigen Einkommen gibt.

Intensiv wird darüber beratschlagt, was wir in Pankow tun können, um Bewusstsein für gute Ernährung zu schaffen. Auf große Zustimmung stößt dabei vor allem eine Idee des Ernährungsrats Berlin: ein Lebensmittelpunkt für Pankow. Lebensmittelpunkte sind Orte, an denen gemeinsam gekocht werden kann, wo eine Verteilstation für solidarische Landwirtschaft oder auch eine Ausgabestelle für abgelaufene Lebensmittel entstehen könnte, um konkret etwas gegen Lebensmittelverschwendung zu tun. Eine Volksküche könnte dort entstehen oder auch Kochkurse angeboten werden. Dieses Projekt will der Kreisverband weiter verfolgen, versichert abschließend Nastassja Wohnhaas.

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