Berliner Morgenpost: Schulen wünschen sich mehr Unterstützung bei Elternarbeit

15.09.2018 Berliner Morgenpost (Jessica Hanack): Am 7.9.2018 habe ich mit einem Schulleiter über die Chancen und Probleme bei Willkommensklassen gesprochen. Dazu ist ein Artikel in der Berliner Morgenpost erschienen.

Berlin. Willkommensklassen an Schulen sind längst nichts Neues mehr, berlinweit gibt es Hunderte von ihnen. Aber auch, wenn sich das Modell in den vergangenen Jahren etabliert hat, hakt es immer wieder an einigen Stellen – sei es die Kommunikation mit Eltern oder schlicht der Platz in den Schulen. Schulleiter aus Spandau äußeren jedoch nicht nur Kritik an der Situation. Sie sehen auch Chancen und haben konkrete Vorschläge, wie die Integration der Flüchtlinge noch besser funktionieren kann.

Von der Lage, findet Hennig Rußbült, Leiter des Hans-Carossa-Gymnasiums, sei seine Schule ziemlich ideal für die Aufnahme von Willkommensklassen. „Wir sind hier raus aus der Spandauer Mitte, hier gibt es weniger Ablenkungspotenzial“, sagt Henning Rußbült. Zurzeit gibt es an dem Spandauer Gymnasium zwei Willkommensklassen. Die Klassen sind an der Schule mitten im Gebäude, umringt von anderen Unterrichtsräumen untergebracht. Diese „räumliche Integration“ hält Rußbült für entscheidend, auch wenn sie Konsequenzen hatte. „Wir haben den Oberstufenraum dafür aufgegeben“, sagt Rußbült. Auch ein Musikraum wurde als Klassenzimmer für eine Willkommensklasse umfunktioniert.

Das Platzproblem betrifft längst nicht nur das Hans-Carossa-Gymnasium. „Es gibt oftmals eine Raumnot, sodass die Willkommensklassen ganz woanders untergebracht sind“, sagt Bettina Jarasch, Abgeordnete der Grünen, die das Spandauer Gymnasium kürzlich besucht hat. Manchmal könnten die Flüchtlinge so nicht einmal zum Mittagessen mit den anderen Schülern in die Mensa.

Keine Räume für Willkommensklassen mehr frei

An der Spandauer Carl-Schurz-Schule hat die Raumsituation inzwischen dazu geführt, dass es gar keine Willkommensklassen mehr gibt. „Wir haben mehr Schüler und mehr Klassen und dadurch keine freien Räume mehr“, sagt Constanze Rosengart, die die Grundschule leitet. Die Flüchtlinge kommen daher direkt in die Regelklassen. An einer Grundschule wird das zumindest in den ersten Klassen dadurch erleichtert, dass fast kein Kind lesen oder schreiben kann. Außerdem, berichtet die Schulleiterin, habe man in Fächern wie Musik oder Sport von Anfang an auf eine enge Anbindung der geflüchteten Kinder an die Regelklassen gesetzt.

Vieles hat sich eingepegelt. Aber es gibt auch Herausforderungen, die mit der Einführung der Willkommensklassen noch gar nicht bemerkbar waren. Sondern die erst jetzt, nach mehreren Jahren, auftreten. „Es gibt Schüler, die sind schwer traumatisiert, aber das kommt erst jetzt raus“, sagt Rosengart. In solchen Fällen zu helfen, das ist für die Schule nur teilweise möglich: Auf 550 Schüler komme an der Schule eine Sozialarbeiterin, berichtet die Schulleiterin.

Was die Sozialarbeiter angeht, steht das Hans-Carossa-Gymnasium laut Rußbült zwar besser da. Darüber hinaus würde er sich für die Integration aber noch weiteres, fachfremdes Personal wünschen, Psychologen oder Ärzte etwa. „Es gibt viele Ärzte unter den Flüchtlingen, die nach Deutschland gekommen sind“, sagt Rußbült. Würde man welche von ihnen an die Schulen holen, hätte das mehrere Vorteilte: Man könnte die Schuldistanz abbauen, man hätte einen Mittler zwischen Eltern und Pädagogen und könnte bei gesundheitlichen Problemen die Kinder direkt in der Schule behandeln. Außerdem meint der Schulleiter: „Wir müssen die Leute in wertschätzende Arbeit bringen.“

Migranten als Mittler in die Elternarbeit einbeziehen

Grünen-Abgeordnete Bettina Jarasch sieht vor allem Verbesserungsbedarf, was die Unterstützung der Schulen bei der Zusammenarbeit mit den Eltern von Flüchtlingskindern angeht. „Ich glaube, das ist eine große Baustelle“, sagt die Politikerin. „Die Schulleiter sind zurzeit auf sich gestellt, wenn sie mit Eltern reden müssen.“ Andere Migranten und arabisch sprechende Menschen in den Kommunikationsprozess einzubeziehen, das könnte eine große Chance sein, glaubt Jarasch.

In Spandau wäre es etwa möglich, die vor einigen Monaten gegründete Bürgerplattform einzuspannen: an ihr sind auch mehrere muslimische Vereine beteiligt. Und eine Vertreterin der Plattform habe bereits gesagt, dass es gut vorstellbar sei, als Vermittler zwischen den Kulturen zu helfen, berichtet Jarasch. „Ich glaube, das ist ein Projekt, das sich lohnen könnte.“

Schon jetzt gibt es aus den Willkommensklassen aber auch Erfolgsgeschichten zu erzählen. Zwar räumt Schulleiter Rußbült ein, dass am Hans-Carossa-Gymnasium nicht alle den Übergang in den Regelunterricht schaffen. Aber: „Wer in eine Regelklasse kommt, schafft meistens auch den MSA“, sagt der Pädagoge. Und im nächsten Jahr gibt es dann eine Premiere: 2019 werden die ersten beiden Schüler aus ehemaligen Willkommensklassen ihr Abitur machen.

Den Artikel zum Integrationstag Spandau in der Berliner Morgenpost können Sie hier nachlesen.

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