Integrationstag Pankow am 27. März – ein Bezirk so bunt wie seine Menschen

Mittwoch, der 27. März 2019: Integrationsarbeit in Pankow ist so vielfältig wie der Bezirk selbst – und der Bezirk kann stolz sein auf seine vielen engagierten Bürgerinnen und Bürger. Das war das Fazit eines Bezirkstags zum Thema Integration, bei dem ich gemeinsam mit Oliver Jütting, dem Fraktionssprecher der Grünen aus der Bezirksverordnetenversammlung Pankow, bei Besuchen vor Ort in Buch, Weißensee und Pankow spannende Eindrücke gewonnen habe.

Erste Station: Gespräch mit sieben Engagierten von „Pankow hilft“, dem Willkommensnetzwerk für Menschen in Fluchtsituationen, über die aktuelle Situation der ehrenamtlichen Arbeit und über neue Herausforderungen. Seit 2015 hat sich die Arbeit mit Geflüchteten stark verändert; nachdem es damals vor allem um Notfallhilfe und das Ankommen in einer neuen Nachbarschaft ging, stehen heute Themen wie Arbeitsmarktintegration, Job- und Wohnungssuche und Ausbildung/Schule im Vordergrund. Nicht alle der Freiwilligen, die sich 2015 um Geflüchtete in Notunterkünften gekümmert haben, sind noch dabei – gleichzeitig sind diejenigen, die noch dabei sind, mittlerweile zu Profis in der ehrenamtlichen Integrationsarbeit geworden. „Pankow hilft“ hatte von Anfang an einen großen Unterstützerkreis, mit allen Initiativen umfasst dieser heute ein Netzwerk von rund 100 Aktiven und vielfältige Angebote von Sprachkursen, über Begleitung bei Behördengängen bis „Schwimmen für alle“

Die Aktiven wünschen sich dringend mehr Leseförderung – und zwar auch für Kinder, die mittlerweile sehr gut Deutsch sprechen. Solche Angeobte sollten möglichst in den Schulen selbst angesiedelt sein, da freiwillige Angebote am Nachmittag die Kinder erfahrungsgemäß nur schwer erreichen. Die Förderung der Mehrsprachigkeit, die Rot-Rot-Grün sich zum Ziel gesetzt hat, begrüßen die Vertreter*innen von „Pankow hilft“ ausdrücklich. Sie wünschen sich zugleich, dass die Betriebe auf ihrer Suche nach Azubis und Fachkräften nicht nur auf das Sprachniveau abheben, sondern viel stärker als bisher auf die Ressourcen und beruflichen Kompetenzen der Menschen. Alarmierend sei, dass Wohnungen, in die Geflüchtete einziehen, teilweise in einem nicht vermietbaren Zustand sind. Es braucht offenbar eine spezifische Mieterberatung und konkrete Unterstützung bei der Wohnungssuche. Insgesamt vermissen die Aktiven angesichts der zahlreichen Angebote für Frauen spezifische Angebote für männliche Geflüchtete, die sich mit dem Rollenwechsel und der neuen Lebenssituation häufig schwer täten.

Zweite Station war die Modulare Unterkunft für Geflüchtete in der Wolfgang-Heinz-Straße in Buch, wo wir mit der Heimleitung, der Integrationsbeauftragten des Trägers Stephanus-Stiftung und der Ehrenamtskoordinatorin gesprochen haben. Begleitet wurde der Besuch von Katarina Niewiedzial, der Integrationsbeauftragten von Pankow, Birgit Gust, der Flüchtlingskoordinatorin aus dem Büro der Integrationsbeauftragten, und zwei Integrationslotsinnen von trixiewiz e.V.

Die Herausforderungen dort sind groß: Die Unterkunft hat 450 Bewohner*innen, es gibt kaum soziale Infrastruktur in der Umgebung – und viele Anwohner*innen leben in prekären sozialen Umständen. Die Stephanus-Stiftung hat dort „Kochen für Nachbarn“ mit den MUF-Bewohner*innen veranstaltet, um Kontakt zur Nachbarschaft herzustellen. Es kamen Familien, insgesamt etwa 20-30 Menschen, aber offenbar vor allem wegen des kostenlosen Essens. Austausch zwischen MUF-Bewohner*innen und Nachbar*innen fand kaum statt. Auch die Umzäunung des Geländes und entsprechende Sicherheitsauflagen verhindern, dass sich etwa Kinder und Eltern auf dem Spielplatz kennenlernen und die Nachbarn das MUF auch als Mehrwert für sich entdecken können. Da es in Buch nicht das gleiche vielfältige Angebot für Sprachkurse, Freizeitgestaltung und Interaktion wie in anderen Stadtteilen gibt, finden die Deutschkurse direkt in der Unterkunft statt und es ist möglich, dass die Mütter ihre Kinder mitbringen. Da es nur selten gelingt, die Kinder der Einrichtung in den umliegenden Kitas anzumelden, hat sich die Stephanus-Stiftung um eine Teilnahme am Programm „Frühe Bildung vor Ort (FBO)“ der Senatsverwaltung beworben. Wir werden bei der Senatsverwaltung nachhaken, denn auch geflüchtete Kinder haben natürlich einen Anspruch auf frühe Bildung.

Am späten Nachmittag fand dann im KuBIZ, dem Kultur- und Bildungszentrum in der Bernkasteler Straße in Weißensee, ein Gespräch mit Migrantenselbstorganisationen und weiteren Initiativen, u.a. trixiewiz e. V., BENN Weißensee und Mitarbeitern des Jugendzentrums Bunte Kuh zu Strategien gegen Rechts und Empowerment statt. Pankow ist der Berliner Bezirk, der am stärksten wächst, und viele der neuen Pankower*innen haben einen Migrationshintergrund, die meisten kommen aktuell aus Italien. Auch um ihre Partizipationsmöglichkeiten geht es, wenn wir über Integration vor Ort sprechen.

Trixiewiz, der Träger der Integrationslots*innen in Pankow, konzentriert sich vor allem auf Empowerment und Partizipation: Durch das Projekt „Be Visible“ werden Geflüchtete zu Berater*innen für Geflüchtete, im Buchprojekt „Tausende Stimmen from everywhere“ erzählen Frauen ihre Geschichten von Erfahrungen im Heimatland, über die Flucht nach Deutschland sowie die Herausforderungen des Lebens im Exil, die Seminare des Vereins informieren über Möglichkeiten politischer Partizipation auch ohne deutsche Staatsbürgerschaft. Das Senatsprojekt BENN in Weißensee ist bis 2021 befristet. Es versucht daher, keine eigenen Angebote zu entwickeln, sondern Menschen bereits bestehende Angebote in Sportvereinen und anderswo nahezubringen. Bei der intensiven Diskussion entstehen neue Ideen, um das KuBIZ noch stärker durch konkrete soziale Angebote für die Anwohner*innen zu öffnen. Wir stehen in jedem Fall zur Unterstützung bereit!

Der Höhepunkt des Integrationstags war eine Filmvorführung von ELDORADO, mit anschließendem Gespräch über europäische Asylpolitik und Fluchtursachen mit dem Regisseur Markus Imhoof und dem Kapitän des Seenot-Rettungsschiffs Lifeline, Claus-Peter Reisch. Mit dabei: der Pankower EP-Kandidat Sergey Lagodinsky. ELDORADO handelt von Flucht heute und damals und wurde mit dem bayrischen Filmpreis ausgezeichnet. Der Dokumentarfilm zeigt nicht nur den lebensgefährlichen und oft tödlichen Weg übers Mittelmeer nach Europa, die europäische Asyl- und Migrationspolitik und ihre Widersprüche am Schicksal konkreter Menschen. Er parallelisiert dieses Geschehen mit Flucht im 2. Weltkrieg und macht damit klar, dass Flucht und Migration Phänomene sind, mit denen wir umgehen und die wir gestalten müssen, die sich aber nicht einfach leugnen oder verbieten lassen. – Die Diskussion zeigt, wie sehr es sich lohnt, für ein solidarisches Europa zu kämpfen, das sich auch seiner internationalen Verantwortung für Flucht und ihre Ursachen bewusst ist. Denn, wie Regisseur Imhoof es formuliert hat: „Wenn wir unsere Werte mit Grausamkeit verteidigen, haben wir sie schon verloren.

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