„Ich will hier nützlich sein.“ Fachgespräch: Arbeit mit Vätern in Geflüchtetenfamilien

Fachdiskussionen über die Integration von Geflüchteten und um ihre psychosozialen Bedarfe haben meistens die Väter nicht im Blick – dabei gibt es hier viel Rede- und Handlungsbedarf, denn gerade die Situation der Väter ist oft durch traumatische Erfahrungen destabilisiert, aber entscheidend für die ganze Familie und ihr Leben in einer neuen Gesellschaft.

Am 11. Dezember 2019 habe ich zusammen mit meiner Fraktionskollegin Marianne Burkert-Eulitz, Sprecherin für Kinder, Familie und Bildung, und vielen Expert*innen aus der Integrationsarbeit mit Männern diskutiert. Zentrale Ergebnisse der Diskussion:

  • Das Potenzial von Ehrenamtlichen und Fachkräften mit Migrationshintergrund als „Brückenbauer“ muss viel mehr genutzt werden; dabei ist professionelle Supervision unverzichtbar, gerade Ehrenamtliche sollten nicht alleine gelassen werden.
  • Mehrsprachigkeit ist eine Qualifikation und sollte daher auch als solche behandelt werden. Folglich sollten auch Angebote der psychosozialen Beratung in der Muttersprache zugelassen sein, genau die Angebote, die muttersprachliche männliche Berater im Projekt haben, sind in der Versorgungsrealität erfolgreich.
  • Frauen-Empowerment speziell bei der Gruppe von Geflüchteten kommt nur voran, wenn auch Männer und Väter besser durch passgenaue Angebote erreicht werden.
  • Eine Studie zur Frage der Wahrnehmung kultureller Unterschiede in der Herkunfts- und der Aufnahmegesellschaft könnte zeigen, dass es Werteunterschiede gibt, diese aber eher graduell sind und auf dieser Ebene keineswegs totale Brüche zwischen den verschiedenen Gesellschaften bestehen.
  • Schwer zu erreichen sind allein reisende Väter, sie sind oft isoliert.

Prof. Dr. Stephan Höyng, der eine Professur für Jungen- und Männerarbeit an der Katholischen Hochschule für Sozialwesen Berlin innehat, stellt dar, dass laut einer Studie zu Geflüchteten Männern in Deutschland diese Gruppe besonders prekär ist; durch die Fluchterfahrung und das Erlebnis fehlender Sozialkontakte und fehlender Selbstwirksamkeit sind Männerbiographien oft von starken Brüchen geprägt. Damit psychosoziale Beratung überhaupt erfolgreich greifen kann, müssten erst die Strukturen verbessert werden, die den Weg in eine eigene Wohnung und in den Arbeitsmarkt ebnen. Aktuell werden aber durch Wohnungssuche, schleppende Anerkennung von Berufsabschlüssen/ Ausbildungszeiten, Arbeitssuche und Schwierigkeiten bei der Vaterschaftsanerkennung eher mehr als weniger Belastungen produziert.

Mozafer Kabbar, Sozialarbeiter beim Träger Familie im Zentrum (EJF), unterstreicht die Wichtigkeit von menschlicher Begegnung. Bevor ein gegebenenfalls traumatisierter Mensch sich im psychologischen Beratungsgespräch verletzlich zeigen kann, braucht er die Erfahrung, einfach mal reden und Kaffee trinken, mal weinen und Mensch/Papa sein zu können. Gerade bei Vätern funktioniert der Zugang und auch die Vertrauensbildung meist sehr gut über die Kinder; dann, in einem zweiten Schritt, könne man sie ermutigen sich psychologische Hilfe zu holen. Gemeinsame Erlebnisse, wie etwa Ausflüge von geflüchteten Vätern und Vätern aus dem Prenzlauer Berg, helfen Kontakte in der Aufnahmegesellschaft zu knüpfen. Wie ein arabisches Sprichwort sagt: „Mit einer Hand kann man nicht klatschen.“

Laut Dr. Ibrahim Alsayed, ehrenamtlich engagiert bei Salam e.V., gibt es mehrere grundlegende Hürden aufgrund derer Väter schwerer in die Beratungsangebote finden: zum einen die Sprachbarriere, zum anderen die Verantwortung für die ganze Familie und schließlich Kulturunterschiede – die Beratungsstrukturen sind einfach nicht bekannt aus dem Heimatland und für Männer ist es grundsätzlich schwerer, Hilfe zu suchen. Ein guter Erstkontakt sind daher Männercafés, die einen geschützten Rahmen bieten, und dazu einladen in der Muttersprache, auch über schwierige Themen wie etwa Ängste in Bezug auf den Aufenthaltsstatus zu sprechen. Dort können verschiedene Themen wie gewaltfreie Erziehung, Kochen, Heimweh etc. gesetzt werden.

Anja Rosswinkel, Regionalkoordinatorin der Family Guides beim Träger Stützrad gGmbH, berichtet, dass sie mit den Family Guides gute Erfahrungen in der Arbeit mit Vätern gemacht hat. Dabei handelt es sich um Muttersprachler aus den Herkunftsregionen, die nicht mit einem Problemfokus an die Menschen herantreten, sondern individuell – wie ein*e gute*r Nachbar*in – in Kontakt kommen, sie fungieren damit auch als „Brückenbauer*innen“, indem sie in dem schwer durchschaubaren Hilfesystem mögliche Wege zeigen.

Eine besondere Herausforderung bei der Arbeit mit geflüchteten Männern ist, dass Frauen, die hier nach der Flucht ankommen, die Erfahrung von Empowerment machen, wohingegen Männer eine Schwächung durch die Flucht erfahren. Das Rollenmodell vom Vater als Ernährer und von der Mutter, die zuständig für die Erziehung ist, wird durch den Bruch der Fluchterfahrung und den sozialen Abstieg durch Arbeitslosigkeit stark irritiert. Oft sagen Frauen deshalb auch in der Beratung, dass sie ohne das Wissen ihres Mannes kommen. Es ist jedoch essenziell, dass das Frauen-Empowerment speziell bei der Gruppe von Geflüchteten nur vorankommt, wenn auch Männer und Väter besser durch passgenaue Angebote erreicht werden. Dabei kann eine Hilfe sein, sich zu fragen, welche Anreize sich von Projekten mit „deutschen“ Vätern gut übertragen lassen. Eine weitere Frage sollte sein, wie mit der Ambivalenz umgegangen werden kann, dass auch in den Familien der deutschen Mehrheitsgesellschaft das feministische Ideal einer vollkommenen Gleichstellung zwischen Mann und Frau keineswegs das Hauptmodell ist.

In Bezug auf das Engagement von Ehrenamtlichen zeigen sich einige besondere Schwierigkeiten. Ein Problem ist, dass sie oft nicht gut begleitet oder geschult sind. Die Unterkunftsleitungen wiederum sind oft damit überfordert, wenn Ehrenamtliche Missstände ansprechen wie etwa Fragen des Kinderschutzes in Gemeinschaftsunterkünften. Oftmals haben Ehrenamtliche den Anspruch an sich selbst, zu vermitteln was „unsere“ Kultur ist, zum Beispiel bezüglich der Gleichstellung von Männern und Frauen – darin werden jedoch auch Widersprüche in der deutschen Mehrheitsgesellschaft deutlich, denn Studien zeigen, dass auch in Deutschland rund die Hälfte Maßnahmen zur Geschlechtergleichstellung faktisch ablehnen. Ein weiterer Aspekt ist, dass ehrenamtliches Engagement von Unterkunft zu Unterkunft sehr unterschiedlich ist, Verstetigung passiert nur, wenn auch die räumlichen Ressourcen für Angebote vorhanden sind.

Bei den professionellen Beratungsangeboten sind verschiedene Aspekte wichtig:

  • Fahrtwege sind eine zentrale Hürde; Beratungsangebote in jedem Bezirk oder noch besser in den Unterkünften würden diese Hürde kleiner machen; aktuell geht mit der Einrichtung der zentralen Clearingstelle für Geflüchtete in Reinickendorf die Tendenz jedoch in eine andere Richtung. Aktuell müssen die Geflüchteten bei Wohnortwechsel von einem Bezirk zum anderen, z.B. von Neukölln nach Reinickendorf, auch das für sie zuständige Bezirksamt wechseln. So werden geknüpfte Vertrauensbeziehungen im bisher zuständigen Bezirksamt abgebrochen, Wissenstransfer findet nicht statt, und die Vertrauens- und Beziehungsarbeit am neu zuständigen Bezirksamt muss neu beginnen. Die Angebote sind erfolgreich, die männliche muttersprachliche Berater und migrantische Männer im Projekt haben.
  • Die Angebote müssen finanzfest verstetigt werden. Fehlende Unterstützung kann schwerwiegende Konsequenzen im Leben der Väter und ihrer Familien haben.
  • Wichtig ist der Eindruck von Augenhöhe bei der Beratung, da die Väter oft in einer hilflosen Situation sind, weil sie das System nicht verstehen oder etwa von den Kindern getrennt sind. Der Zugang funktioniert grundsätzlich eher über Ressourcen als über Defizite, z.B. über die Kinder, Essen oder Sport.

Forderungen und weitere Schritte, die wir als Grünen-Fraktion verfolgen:

  • Das Regelsystem der psychologischen und psychosozialen Versorgung in Berlin ist noch nicht ausreichend ausgebaut, auch wenn der Senat teilweise diese Haltung einnimmt, wir wollen daher die weitere finanzielle Ausstattung im Gesundheitshaushalt kritisch begleiten.
  • Perspektivisch wollen wir ein Landesprogramm Videodolmetschen für die Sprachmittlung in der Gesundheits- und psychosozialen Versorgung im Haushalt verankern. Thüringen ist mit einem solchen Programm, das rund um die Uhr qualifizierte Sprachmittlung gewährleistet, beispielhaft vorangegangen.
  • Wir wollen das Familienfördergesetz für die Anforderungen einer Migrationsgesellschaft weiterentwickeln.

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